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Die Pampelmuse | Politisch-polemisches Pamphlet


 

Inklusion:

Total behindert

Über gedeckelte Gelder und die große Frage nach dem Warum

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Allgegenwärtige Tristesse, eine antisoziale Ideologie und Turbokapitalismus als Äquivalent für eine pluralistische und solidarische Gesellschaft.


Ein Artikel, vor kurzem erschienen in einer bundesweiten Tageszeitung: Der Etat für die Umsetzung der Inklusion sei „gedeckelt“. Zu wenig finanzielle Hilfe werde bereitgestellt und das entwickele sich zunehmend zu einem ernstzunehmenden Problem. Vor allem im schulischen Bereich, in dem das inklusive Modell zunächst generell Fuß fassen soll, fehle es am Nötigsten.

Dieses Problem ist bei weitem kein neues. Nahezu sämtliche Fachkräfte der sozialen Berufe, die sich mit dem Thema beschäftigen (müssen) beklagen es seit seiner Entstehung. Die wiederum hat im Grunde ihren Ursprung von Beginn an. Also bereits seit den ersten Überlegungen und Planungen des inklusiven Schulsystems sowie der Inklusion im Allgemeinen. Das Problem wird zudem und trotzdem so stiefmütterlich behandelt, wie kaum ein anderes in der bundesdeutschen Politik. Ich werde das Gefühl nicht los, dass kaum jemand mehr ein richtiges Bedürfnis verspürt, sich damit tiefgreifender zu beschäftigen. Viele haben resigniert. Das Problem ist längst zum alten Hut geworden.

Das Problem ist jedoch nicht vorrangig, dass der Etat „gedeckelt“ ist. Noch nicht einmal, dass die betreffenden Hilfeempfänger ihre benötigten Assistenzleistungen nicht in dem Rahmen empfangen können, der ihnen eigentlich zusteht. Das ist schade und auch zunächst einmal ziemlich unverständlich.
Aber wo liegt die Ursache, warum ist der Etat derart beschränkt und warum wird sich daran höchstwahrscheinlich erst einmal auch nichts ändern?
In einer Diskussion, in der es um den Wert der Inklusion geht, handelt es sich in der Politik gar nicht um ideelle oder materielle Werte, sondern um Täuschung und Ablenkung. Ich meine mittlerweile, dass Politiker weder den Ethik-Orden, noch eine optimale Unterstützung der Hilfeempfänger wollen. Beides ist ihnen egal. Sie haben keine Wahl, doch die Wahl hat sie (Im wahrsten Sinne des Wortes trifft genau das auch zumindest den einen Kern der Sache). Wenn sie weiterhin neoliberale Politik machen wollen, muss ihnen das sogar egal sein. Nichts Anderes geschieht zur Zeit, das ist der gegenwärtige Zeitgeist – Neoliberalismus.

Da den aktuellen Machthabern in den meisten Fällen an der Bewahrung des Ist-Zustandes gelegen ist, hier geht es um nichts anderes als Herrschaftsstabilisierung, halten sie an dieser antisozialen Politik, wie ich später noch etwas weiter herauskristallisieren werde, fest. Sie wollen Geld sparen, effizient sein und dabei trotzdem nicht ihr menschliches Gesicht und somit ganz einfach ihre „Wählbarkeit“ verlieren. Dieser Spagat führt dann zu einem „Missverständnis“. Dieses „Missverständnis“, dass Inklusion jetzt schließlich als vermeintliches Sparprogramm umgesetzt wird und sich daran auch trotz aller (wenn man ehrlich ist: relativ leiser) Kritik in absehbarer Zeit nichts ändern wird, wenn sich nicht grundlegend etwas ändert.

Ungezügelte Zungen behaupten ja, das sei gar kein Missverständnis, sondern eine Methode. Diese Methode muss von einigen der Entscheidungsträger nicht einmal bewusst oder gar aus böser Absicht gewählt sein. Es reicht aus, dass sie aus reiner Not oder mangelnder Kenntnis der Verhältnisse bevorzugt wird. Es wird kein anderer Weg aus dem Dilemma gesehen. Handeln sie nicht aus Not oder Unkenntnis, so liegt es daran, dass sie dem Zeitgeist gnadenlos erlegen sind: Sie sind zu glatt, „aalglatt“, wie es der Philosoph Byung-Chul Han in einem Interview der ZEIT-online beschreibt. Und wenn auch, wie oben schon erwähnt, zwangsweise. Inklusion will ja angeblich jeder. Und so kann man schließlich erst einmal schauen, ob das Problem, welches angeblich gar keines ist, sich nicht von „ganz alleine“ löst. Eben ohne Zutun, im wahrsten Sinne.
modernearchitekturWie kann aus neoliberaler Sicht überhaupt eine Inklusion forciert werden, die gesamtgesellschaftlich gesehen in ihrer Konsequenz einer drastischen Veränderung der herrschenden Strukturen, wenn nicht gar einer Revolution gleichkommt und damit letztlich auch eine Abkehr vom Neoliberalismus bedeutet? Hier sei an die Herrschaftsstabilisierung erinnert. Sie kann also nicht gewollt sein. Das spiegelt sich eben auch in den bisherigen rhetorischen Versuchen der Politik wider, die das Gegenteil behauptet.
Die neoliberale und damit aktuell maßgebliche Politik und Wirtschaftsform, deren beeinflussende neoliberale Lobby, lose vernetzte und in großer Zahl vorhandene „Denkfabriken“, sogenannte „Thinktanks“ und somit auch immer weiter um sich greifende verinnerlichte neoliberale Denkweisen forcieren die soziale Exklusion. Dies geschieht ganz offensichtlich und für jeden wahrnehmbar, während die Politik parallel dazu nach außen vorgibt, die Inklusion und ein soziales Miteinander zu fördern und zu fordern und sich damit sogar ein moralisierendes Antlitz anmaßt. Wer sich also bspw. laut und deutlich gegen Inklusion positioniert, weil er sich dem aktuellen Zeitgeist einfach verbunden fühlt (auch wenn er es vielleicht gar nicht weiß), wird als ethisch nicht korrekt oder sozial schwach bezeichnet und damit ins gesellschaftliche Abseits gestellt.

Dieser verwirrende Zustand lässt sich vielleicht am ehesten mit dem vergleichen, was in der Psychologie und der Kommunikationstheorie „Double-Bind“ genannt wird. Wenn Kinder in der Beziehung zu einer Autoritätsperson dauerhaft doppelten und somit lähmenden Bindungen ausgeliefert sind, können diese in der Konsequenz unter anderem eine Schizophrenie entwickeln. Aufgrund der permanenten Verwirrung erkranken sie. Dies geschieht, weil sie ständig mit paradoxen Botschaften, Reizen und Handlungen umgehen müssen, die sich in ihrer Art und Weise gegenseitig widersprechen. Genau das geschieht heute zwischen den Menschen und dem Staat. „Sei unnahbar, leistungsstark und rücksichtslos“ auf der einen Seite der Botschaft, die das soziale Klima schlicht vermittelt und „habt euch alle lieb und nehmt euch als gleichwertig wahr, passt auf, dass ihr niemanden behindert“ auf der anderen Seite als Handlung, indem gefordert wird, eine funktionierende Inklusion auf den Weg zu bringen. Werbeslogans wie „einfach.machen.“, welche zu Inklusion anregen sollen, karikieren dieses Dilemma noch und verhöhnen (hoffentlich wenigstens unbewusst) die eigenen Bürger.

 Die Schizophrenie des aktuellen Zeitgeists

Dieser Neoliberalismus. Größtenteils entstanden in den 50er Jahren, bis er zur jetzigen Blüte austrieb, die bereits seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts besteht. Personifizierende Charaktere waren bspw. Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA, die ja beide nicht gerade zu der sogenannten „weichen“ Fraktion gehörten, die auf ihre Mitmenschen Rücksicht nahm und eine soziale Ader erkennen ließen. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Härte und kantiges Auftreten sind in unserer heutigen Gesellschaft verpönt. Die Menschen heute wollen gerne sanft gewogen und geschaukelt werden, wenigstens doch durch große Worte und Versprechungen. Dass diese so gut wie nie eingehalten oder etwas später wieder gebrochen werden, scheint kaum jemanden zu kümmern. Wichtiger scheint es, „bekümmert zu werden“, worauf ich später auch wieder zurückkomme.

Margaret Thatcher, die "eiserne Lady im Großbritannien der 1980er Jahre

Margaret Thatcher, die „eiserne Lady“ im Großbritannien der 1980er Jahre

Dieser Neoliberalismus. Entstanden aus der Idee, die konservativen, ausgelatschten Treter des Wirtschaftsliberalismus hinter sich zu lassen. Zugegeben, das ist ihm grandios gelungen. Der neoliberalistische Geist herrscht heute über allen Ländern und somit auch über alle Menschen der Welt, welche sich im Wirtschaftskreislauf des „historischen Westens“ befinden. Auch, wenn sie dieses vielleicht so gar nicht wollen. „Mitgehangen, mitgefangen“ hätte meine Mutter früher dazu gesagt.
Allgegenwärtig ist die hegemoniale Strategie des Neoliberalismus: Die Zustimmung oder wenigstens die Nicht-Ablehnung durch das demokratisch organisierte Bürgertum eines Landes muss gewährleistet sein, um weiter eine neoliberalistische Politik und Wirtschaft widerspruchslos und ohne weiteren Konsequenzen verfolgen zu können. Und um diese Zustimmung zu erhalten, ist den verantwortlichen Kräften kaum etwas zu schade. Selbst größte Abweichungen vom eigentlichen Gegenstand des aktuell Vertretenen werden hingenommen, um das kümmerliche Bild zu wahren.

Somit erklären sich auch solch grobe Widersprüche wie die Verankerung des Satzes „kein Mensch darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ im Grundgesetz und gleichzeitig höchst eingeschränkter Finanzsituationen für behinderte Menschen. So gibt es bspw. keine Möglichkeit für einen deutschen Hilfeempfänger, ein (und wenn auch noch so beschränktes) Vermögen zu verwalten. Es gibt Höchstsätze, alles darüber hinaus streichen die Ämter ein. Das ist nicht nur unwürdig und unmoralisch, das ist schlichtweg sehr asozial.

Ein anderes Beispiel: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden“. Da wird dann sogar im Grundgesetz die Krux schon direkt mitgeliefert. Mit Hilfe dieser „anderen Gesetze“ werden die Leitsätze umgangen, so dass man im Zweifelsfall am Ende ohne das nötige Kleingeld dasteht, um die Leistung zu erhalten, die einem doch eigentlich per Gesetz zustehen sollte. Besser Situierte ziehen an einem vorbei, bezahlen dieselbe Leistung „aus der Portokasse“ und haben vielleicht wenigstens noch einen mitleidigen Blick für einen übrig.

Ein wesentlicher Mitbegründer der neoliberalen (Wirtschafts-) Idee: Friedrich August von Hayek

Ein wesentlicher Mitbegründer der neoliberalen (Wirtschafts-) Idee: Friedrich August von Hayek

Eine ebenfalls haarsträubende Doppelmoral ist die Koexistenz von selektierender Pränataldiagnostik und angeblich gewollter Inklusion: Behinderte Kinder bzw. Ungeborene, die ein erhöhtes Risiko tragen, behindert zur Welt zu kommen, werden dank moderner Pränataldiagnostik-Bluttests mittlerweile häufig eben nicht geboren und erhalten ihr Recht auf Leben und Selbstbestimmung, obwohl dieses im Grundgesetz so verankert ist. Mithilfe bestimmter anderer Paragraphen aus dem Gendiagnostikgesetz werden die Leinen ganz schnell wieder gekappt. Und plötzlich ist die Rede von der vermeintlichen Selbstbestimmung der werdenden Mütter. Sowieso dreht sich dieser Tage scheinbar alles um Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Eigentlich schön, könnte man meinen, hört sich doch gut an. Schließlich ist das Streben nach Selbstverwirklichung der maslow’schen Bedürfnispyramide nach die logische Konsequenz der postmodernen Zeit (Abraham Maslow gilt als der wichtigste Gründervater der humanistischen Psychologie, in der eine Psychologie seelischer Gesundheit angestrebt und die menschliche Selbstverwirklichung im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts untersucht wird). Sie dient durch die Realisierung der eigenen Wünsche und Sehnsüchte dem höheren Ziel, „das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen“ (Oscar Wilde) und wird zudem mit Altruismus in Verbindung gebracht. Moment.
„Leben“ und „Selbstbestimmung“, was genau ist das eigentlich heute? Kann man sich überhaupt darauf berufen, ein autonomes Leben zu führen? Wann handle ich wirklich selbstbestimmt und gestalte mein Leben so, wie ich es mir persönlich erdacht habe und wie ich es mir wünsche? Unter welchen Umständen gelingt mir die Selbstverwirklichung meiner Person? Weiterlesen