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Punks gegen Popper: Die ultimative Entscheidung!

Pertti, Kari, Sammy, Toni

PERTTI KURIKAN NIMIPÄIVÄT


Punk Musiikki sijaan Populaarikulttuurin


 

Die Daumen für den Eurovision Song Contest sind gedrückt. Für die vortreffliche, finnische Wahl der Landesvertreter. Weit ausschweifen muss ich dank des immensen Medienrummels nicht. Jeder hat’s ja inzwischen gehört.

Es wird auch wirklich Zeit, dass dieser verkommene Ramschladen der internationalen Oberflächlichkeiten mitsamt seines voyeuristischen Publikums von einer verdammt wütenden Punkband mal ordentlich die Gehörgänge frei gepustet bekommt!

Die folgenden Zeilen beinhalten ein Interview mit der momentan scheinbar angesagtesten Band Europas. Der wesentliche Teil dieser Zeilen ist übrigens bereits im Oktober 2010 entstanden, als die Band für eine kleine Tour die norddeutsche Region mit Hamburg, Bremen und der ländlichen Provinz dazwischen besuchte. Und genau hier, im Landkreis Verden beispielsweise, geht eben gern der Punk ab.


Let’s travel in time. Just a little step.

Im Oktober vor 5 Jahren…

Here we are:


Es war ein eigentlich trister, grauer Herbsttag Ende Oktober. IMG_20141030_104240

Wir hatten gerade die PA-Anlage von Verden nach Langwedel zum Ort des abendlichen Konzerts gefahren, da klingelte auch schon das Telefon in der Tasche. Am anderen Ende meldete sich Kalle, seines Zeichens Band-Betreuer von PERTTI KURIKAN NIMIPÄIVÄT (PKN), die an diesem Abend die Hütte in „Klenke’s Gasthaus“ rocken sollten, einer gut niedersächsischen Gaststätte mit Saal. Kalle meinte, sie wären schon an der Adresse angekommen, die ich ihnen geschickt hätte. Prima, dann brauchten wir uns nicht mal in die Kurve der Hauptstraße zu stellen und das selbstgebastelte große „PKN“-Schild aus Pappe hochzuhalten.

Ruck-zuck waren meine Freundin und ich dann auch wieder zu Hause und sahen zunächst den Kleinbus des Filmteams. Dieses Bild war uns relativ bekannt, da durch diverse in der Vergangenheit organisierte (Punk-)Konzerte schon des öfteren mal eine Band einen Tourstop bei uns eingelegt hatte, um bei uns zu übernachten. Wir begrüßten die Insassen dieses Gefährts und stellten erstaunt fest, dass dies nicht die Band, sondern ein Teil des sie begleitenden Filmteams war…

Als wir dann jedoch den Bus der Band mitsamt Betreuern und Gästen sahen, der langsam um die Ecke bog, machten wir uns vor Schreck fast in die Hose. Da stand ein riesiger Reisebus vor unserer Haustür!

Sofort ergriff ich die Gelegenheit um mir das Gerät auch von Innen anzusehen und war einfach nur hin und weg: Hinten eine Rundbank mit Tisch in der Mitte, nach vorne jeweils noch zwei Tische mit Bänken, so richtig nobel! Eigentlich fehlten nur noch die Bar und der Whirlpool… Damit wäre auch ich jeden Abend wieder zurück nach Hamburg gefahren, so wie sie, die dort sehr günstig und willkommen im finnischen Seemannsheim schlafen konnten.

Das alles kam, mal ganz kurz dargestellt, folgendermaßen zustande:

Ein Freund aus Hamburg rief mich eines Tages an und fragte, ob ich mir nicht vorstellen könne, mit PKN ein Konzert zu machen. Ich schaute sie mir im Internet an und war sofort begeistert:

Eine Punkrockband, die in Finnland bereits zahlreiche Konzerte gespielt hatte, gerade die Aufnahmen für eine erste eigene Platte abschließen konnte und deren Mitglieder zudem als „kleines Extra“ die chromosomale Besonderheit einer „Trisomie 21“ (das sogenannte Down-Syndrom) aufweisen konnten sowie ihr Gitarrist Pertti ausgeprägte autistische Züge.

Das klang mehr als interessant, hier musste was geschehen!

Ich war daraufhin derart Feuer & Flamme, dass ich gleich versuchte, für eine ganze Woche Auftrittsmöglichkeiten für die Jungs aus Helsinki zu organisieren. Mal eben eine kleine Tour auf die Beine stellen. Letztlich kam doch immerhin ein 4-Tages-Trip von Donnerstag-Sonntag über Bremen, Langwedel, Rotenburg und Hamburg zustande, welcher fast ausschließlich aus außergewöhnlichen, lustigen, bisweilen skurrilen, vor allem aber menschlichen Begegnungen bestand. 

Begleitet wurden sie dabei von einem großen Filmteam, welches einen Film über die Band und deren Tour drehte. Erschienen ist „The Punk Syndrome“ dann übrigens erst im Winter 2012…

Allesamt waren es (und sind es alle heute hoffentlich auch noch!) total nette Leute, die das alles mehr als gerne taten und somit auch irre viel Spaß miteinander hatten.

Jedenfalls enterte die ganze Crew nun unsere Wohnung, soff uns unseren Kaffee und Tee weg, fragte nicht nur einmal nach Keksen und versaute überdies auch noch unsere Toilette. Ja, ja… Typisch! Oder?!

... Pertti said.Außerdem führten wir zusammen dieses einmalige Interview auf unserer Wohnzimmercouch.

Es wurde gemeinsam Englisch gesprochen.

Alex: Hallo. Bitte stellt euch doch mal vor, wer ihr seid, von wo ihr kommt. Sammy, da du so gut englisch sprichst kannst du auch gerne übersetzen und sonst springt Kalle(Betreuer der Band) ein…

PKN: Wir sind PERTTI KURIKAN NIMIPÄIVÄT aus Helsinki, Finnland und uns gibt es in dieser Besetzung seit 2 Jahren. Wir sind schon lange, lange befreundet und spielen auch schon länger Instrumente bevor wir mit Punk angefangen haben. Mein Name ist Sammy, unser Sänger heißt Kari, unser Drummer ist Tommy und Gitarre spielt Pertti Kurikan.

Alex: Was heißt PKN?! Ich habe ja schon herausgehört, dass euer Gitarrist so heißt, aber was heißt NIMIPÄIVÄT?!

Kalle: Nimipäivät heißt einfach Namenstag. Das hat keinen tieferen Sinn, die Band heißt einfach Pertti Kurikans Namenstag.

Sammy: Es war einfach ein Witz, so hat’s angefangen…Wir haben den Namen dann einfach behalten.

Alex: Ihr seid eine Band. Wie kamt ihr auf die Idee, Punk zu machen und wie läuft das bei euch? Also mit Gigs, Aufnahmen, Proben?

Kalle: Wegen Pertti. Er sammelt seit 30 Jahren Platten, vornehmlich Punk.

Sammy: Wir haben uns dann einfach gefunden. Ich habe in einem Film mitgespielt, „A little Respect“ und dafür wurde eine Band gesucht. Also haben wir beschlossen, jetzt zusammen Punk zu machen.

Alex: Cool! Und wie läuft das, wohnt ihr zusammen oder müsst ihr weit fahren um z.B. zu proben?

PKN: Wir wohnen nicht so weit auseinander, Pertti wohnt in seinem eigenen Apartment, Tommy wohnt bei seinen Eltern und Kari und Sammy wohnen zusammen in einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen. Wir sehen uns jeden Tag, da wir zusammen arbeiten. Wir kennen uns also gegenseitig wie unsere eigene Westentasche!

Alex: Nicht falsch verstehen: In Deutschland gibt es nicht so häufig Punkbands mit behinderten Menschen, wie sieht es in Finnland aus? Ist es da normal, seid ihr integriert in die Szene oder ist das mehr so ein „Mitleids-Gutfinden“?!

PKN: Nein, Mitleid ist es nicht. Die Leute kommen zu unseren Shows, weil sie eben die Band PKN sehen wollen und uns gut finden. Wir werden nicht kategorisiert von unseren „Fans“. Deshalb lieben wir es auch so, zu Punkshows zu gehen, weil wir da eben nicht abgestempelt werden, sondern so genommen werden, wie wir eben sind. Die Leute sehen uns als Band, nicht als „geistig Behinderte“.DSC_3752

Alex: Das ist schön zu hören. Daran wollen wir dann hier mal fleißig arbeiten! Mal was anderes: Habt ihr noch andere Hobbies oder Beschäftigungen, die ihr neben der Band betreibt?! Was macht ihr sonst so im Leben?

Pertti: Ja also Musik hören, hauptsächlich Metal und Punk, TV gucken oder Filme ansehen.

Kari: Ich mag alles Rockermäßige. Also ich mag Kaffee, Bier, Alkohol, Motorräder, Frauen, Horrorfilme, Pornofilme, alles sowas eben!

Tommy: (erzählt seinen halben Lebenslauf, auf finnisch!) Und sonst (von Kalle übersetzt) noch Bowling und Musik hören.

Sammy: Ich gehe gerne ins Kino und spiele ansonsten gerne Poolbillard und Snooker. Außerdem interessiere ich mich für Politik. In Finnland bin ich für die Central Party. Das ist die Partei, die sonst niemand mag, hahaha!

Alex: Leider kann ich nicht so gut finnisch. Doch laut Kalle handeln viele eurer Texte von der Diskriminierung geistig behinderter Menschen. Wenn ihr Diskriminierung erfahrt, von wem geht diese aus und wie sieht sie aus. In welchen Momenten fühlt ihr euch diskriminiert?!

PKN: Also manchmal fühlt man das schon…Es ist lange nicht so schlimm wie in den 70ern oder 80ern, aber es ist zum Beispiel ein Problem, auf dem normalen Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden. Viele Arbeitgeber legen schon das Telefon auf, sobald man „mental beeinträchtigt“ erwähnt…Ich weiß nicht, was mit denen los ist. Das ist unserer Meinung nach die größte Diskriminierung.

Alex: Schon krass, das ist doch echt traurig…

Zurück zur Band: Euer Sound ist geradlinig und simpel, cooler einfacher Punk eben. Mit wem würdet ihr euch gerne mal die Bühne teilen und warum?IMG_20141123_110110

PKN: Mit jedem würden wir gerne auf der Bühne stehen! Aber natürlich vor allem mit den RAMONES!! (Kalle ergänzt:) Sie haben auch schon mit vielen bekannteren finnischen Bands gespielt, z.B. mit HERO DISHONEST. Letztes Jahr haben sie auf dem PUNTALA ROCK FESTIVAL gespielt, wo viele regionale und internationale Bands auftreten.

Sammy: Ja stimmt, da hatten wir soooo viel Spaß!! Das war großartig. 

Alex: Da versuche ich auch nächstes Jahr mal hinzukommen! Auch um vielleicht Deek von OI POLLOI und KANSALAITOTTELEMATTOMUUS wiederzutreffen…Was heißt das eigentlich?!

Kalle: Es bedeutet „ziviler Ungehorsam“.

Alex: Aha! Interessant… Macht ihr in musikalischer Hinsicht eigentlich noch was anderes außer die Band PKN?!

PKN: Ja, wir machen alle noch unterschiedliche Sachen. Ich (Sammy) spiele zum Beispiel noch in einer Jazzband und in einer HipHop-Gruppe. Wir spielen alle in drei bis vier verschiedenen Bands und werden dafür bezahlt.

Kalle: Sie sind professionelle Musiker, die damit auch richtig ihr Geld verdienen. Das ist ihre Arbeit!

Alex: Wow, das ist ja ein Traum! Da möchten schließlich ziemlich viele Leute hinkommen, wo ihr schon seid!

Sammy: Ja, wir haben auch ein eigenes Studio, in dem wir unsere Sachen aufnehmen. Wir machen alles selbst, total DIY (steht für Do It Yourself und ist ein großes Credo der autonomen, linkspolitischen Punkbewegung abseits des Mainstream, Anm. Alex)! Damit sind wir dann auch tagein, tagaus beschäftigt. Dazu machen wir dann noch unser eigenes Internetradio. Wir sind auch die erste Band mit geistig behinderten Menschen in Finnland, die das alles so machen! Und darauf sind wir stolz.

Alex: Könnt ihr uns ein paar Tips geben, wo man gut hingehen könnte, sollte man mal in Finnland unterwegs sein? Also welche Clubs, Kneipen oder Festivals sollte man auf keinen Fall verpassen? Das PUNTALA ROCK FESTIVAL habt ihr ja schon erwähnt.

PKN: Ja, z.B. den Marginal Club in Helsinki, dort treten wir auch manchmal mit einer unserer Bands auf!

Kari: Und ich kann nur den Stadtteil Kallio empfehlen, dort gibt es ganz viele Kneipen und Bars, auch Discos wo Alternative bis Metal gespielt wird. Dort kann man sehr gut saufen gehen!

Sammy: Naja, das ist ja gar nichts für mich… Aber für dich, Kari,oder? Jaaa!

(großes Gelächter allerseits, Kari nickt ausgiebig und sieht dabei äußerst zufrieden aus)

Alex: Hmm okay. Sagt mal, eigentlich wolltet ihr doch noch eine (Vinyl-)Single mitbringen, was ist daraus geworden? Warum hat das nicht mehr geklappt und wird diese noch erscheinen? Wenn ja, wo kann man sie hier in Deutschland bekommen?!wpid-img_20150518_210145.jpg 

Kalle: Das ging dann doch nicht mehr so schnell wie ursprünglich gedacht… Die wird in zwei Wochen erscheinen und zwar in Deutschland über RED LOUNGE RECORDS. RLR 082 Pertti Kurikan Nimipäivät / Kakka-hätä 77 Split 7″, darunter findet man die Splitsingle dann. KAKKA-HÄTÄ 77 ist eine befreundete finnische Band. (Die Single ist der Hammer! Derbe, angepisst und laut bekommt man einen guten Eindruck von der Wut im Wanst der hier so handzahm erscheinenden Punks aus Helsinki, Anm. Alex)

Alex: Also in mir habt ihr definitiv schon einen Abnehmer für ein paar der EP’s gefunden! (Die waren übrigens in Null komma nix weg…, Anm. Alex) Noch etwas: Wie kamt ihr auf Deutschland?! Es gibt ja noch andere Länder, warum hat es euch ausgerechnet hierher verschlagen? Und war es ein Problem für euch, die Einrichtung und das Land zu verlassen oder ging da alles glatt?

PKN: Nein, wir hatten absolut keine Probleme. Uns wurden glücklicherweise keinerlei Steine in den Weg gelegt, darüber sind wir ganz froh… Warum unbedingt Deutschland, können wir gar nicht so sagen…Wir haben uns einfach eine Landkarte angeschaut und beschlossen, dass wir da mal hin wollen, hehe!

Kalle: Und RED LOUNGE…wpid-img_20150518_210341.jpg

Sammy: Achja! RED LOUNGE ist ja unser Record Label, die kommen doch aus Deutschland, also lag es nahe, wegen der demnächst erscheinenden Split EP auch dorthin zu kommen. Aber wir haben auch keine Probleme damit, in anderen Ländern Gigs zu bekommen (hebt sichtlich stolz den Kopf)! … Hey Tommy! (stupst seinen eingeschlafenen Drummer an) NICHT schlafen!

Achja und natürlich auch, weil du uns gefragt hast, ob wir hier und da spielen wollen. Also wenn wir gefragt werden und Leute uns sehen wollen, etwas über uns wissen wollen, dann kommen wir.

Alex: Wie läuft das mit dem Film? Wessen Idee war es und wie wird das alles produziert?!

Kalle: Das war die Idee des Produzenten, Jukka. Er hatte ja schon in dem Film „A little Respect“ (Vähän kunnioitusta) mit der Band zusammengearbeitet und fand sie einfach so spannend, dass er über die Band selbst auch etwas drehen wollte. Dann kamen wir alle zusammen, haben das besprochen und seit Februar 2010 filmen sie jetzt. Diese Tour ist dabei natürlich etwas ganz Besonderes. Die Filmcrew ist von Mouka Filmi.

Sammy: Ja, seitdem halten sie uns immer die Kamera ins Gesicht, fast täglich! Das ist schon aufregend, nervt aber auch mal! (Gelächter) … Ach was, sie sind cool, wir lieben sie!

Alex: Inwieweit waren PKN selbst in die Planung der Tour mit einbezogen? Also haben sie bspw. sagen können, wir wollen hier oder da spielen?!

Sammy: Nein! (Lacht lauthals auf)

Kalle: (nickt zustimmend) Es war tatsächlich mein Job und auch vor allem Markkus‘ (kommt aus dem Hintergrund und „gibt sich zu erkennen“). Wir hatten da schon die Fäden in der Hand und letzlich ja auch du, Alex!

Alex: Hmm, ja, ok …

Also das waren jetzt erstmal meine Fragen, habt ihr noch irgendwelche Fragen an mich oder gibt es irgend etwas, was euch noch auf den Lippen brennt? Raus damit!

PKN: Wir wollen nochmal sagen, wie wir unsere Songs schreiben: Pertti macht ein Riff, zum Beispiel etwas wie „didididiiii, dädädädääää“ und dann macht Kari die Lyrics dazu. Und manchmal ist er so verdammt sauer, so PISSED OFF, dass ist dann schon manchmal echt beängstigend! Aber witzigerweise sind dann die Texte oft echt die besten Werke, wenn er so sauer über etwas ist. …

Wir wollen uns bei dir auch nochmal für alles bedanken, echt cool was du für uns gemacht hast, Dankeschön!

Sammy: Ich bin Werder Bremen Fan, seit auch ein Finne bei ihnen spielt! Achja, und vielleicht spielt ihr mit deiner Band ja mal bei uns in Finnland, wir machen dann auch Gigs für euch klar!

Alex: Ja cool! Dankeschön. Ich werde darauf zurückkommen… Zum Abschluss möchte ich euch unbedingt noch mit auf den Weg geben: Macht bloß weiter so! Und jetzt müssen wir uns tatsächlich ein bisschen beeilen, lasst uns mal zum heutigen Ort des Geschehens fahren, auf geht’s nach Langwedel!

Der Ort liegt nur etwa drei Kilometer entfernt, aber wir haben bei mir zuhause bereits vor dem Interview viel Zeit damit verbracht, uns etwas kennen zu lernen. Zudem wurde sich die Wohnung durch die Bandmitglieder teilweise ausgiebig angesehen und so konnten dabei natürlich auch allerlei interessante Dinge entdeckt werden, die ich dann erstmal erklären musste. Fotos, Poster, Plakate und selbstverständlich auch meine sich auch heute immer noch weiter ausdehnende Totenkopf-Sammlung standen eindeutig im Fokus der sympathischen Punks. Besonders interessant fand ganz speziell Pertti meine Nietenbesetzte und mit Band-Aufnähern versehene Weste: Zeitweise sah es fast so aus, als wolle er in die Kutte hineinbeißen. Er roch intensiv daran und führte sie zentimeterweise dicht an seinen Augen durch die Finger. Dabei „fiepte“ er immer wieder in unterschiedlichen Tonlagen. Es dauerte eine ganze Weile, nachdem er aufgefordert wurde, sich mit an den Tisch zu setzen, bis er das tatsächlich tun konnte, so sehr faszinierte ihn das Kleidungsstück. Sammy erklärte mir mit einem Schmunzeln, dass dieses Verhalten eine Eigenart Perttis sei. Manchmal sei das schon ein wenig nervig, wenn sich zwischen wichtigen Terminen, vor allem unter Zeitdruck, diese besondere Art des Zwangs zeigt… Aber das sei Pertti, man müsse ihn eben so nehmen, wie er ist.

Wir fuhren anschließend gemeinsam zum abendlichen Konzertort in die Gaststätte, wo es erneut große Augen ob der Riesenhaftigkeit des Bandbusses gab. Schon ein tolles Gefühl, mit einem solchen Brecher durch das heimische Dorf zu kurven.

Während des Konzerts erklärte mir Kalle auf Nachfrage noch, dass der Spruch auf dem PKN-Band-Shirt bedeutet „Wir essen eure Kekse und klauen eure Platten!“

Ja, wie gesagt, das kann ich nur unterstreichen! Unsere Kekse waren restlos weg. Aber meine Platten sind natürlich noch immer da, in schönster Vollständigkeit… Also bitte! Einfach nette Leute…

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Die Pampelmuse | Politisch-polemisches Pamphlet


 

Inklusion:

Total behindert

Über gedeckelte Gelder und die große Frage nach dem Warum

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Allgegenwärtige Tristesse, eine antisoziale Ideologie und Turbokapitalismus als Äquivalent für eine pluralistische und solidarische Gesellschaft.


Ein Artikel, vor kurzem erschienen in einer bundesweiten Tageszeitung: Der Etat für die Umsetzung der Inklusion sei „gedeckelt“. Zu wenig finanzielle Hilfe werde bereitgestellt und das entwickele sich zunehmend zu einem ernstzunehmenden Problem. Vor allem im schulischen Bereich, in dem das inklusive Modell zunächst generell Fuß fassen soll, fehle es am Nötigsten.

Dieses Problem ist bei weitem kein neues. Nahezu sämtliche Fachkräfte der sozialen Berufe, die sich mit dem Thema beschäftigen (müssen) beklagen es seit seiner Entstehung. Die wiederum hat im Grunde ihren Ursprung von Beginn an. Also bereits seit den ersten Überlegungen und Planungen des inklusiven Schulsystems sowie der Inklusion im Allgemeinen. Das Problem wird zudem und trotzdem so stiefmütterlich behandelt, wie kaum ein anderes in der bundesdeutschen Politik. Ich werde das Gefühl nicht los, dass kaum jemand mehr ein richtiges Bedürfnis verspürt, sich damit tiefgreifender zu beschäftigen. Viele haben resigniert. Das Problem ist längst zum alten Hut geworden.

Das Problem ist jedoch nicht vorrangig, dass der Etat „gedeckelt“ ist. Noch nicht einmal, dass die betreffenden Hilfeempfänger ihre benötigten Assistenzleistungen nicht in dem Rahmen empfangen können, der ihnen eigentlich zusteht. Das ist schade und auch zunächst einmal ziemlich unverständlich.
Aber wo liegt die Ursache, warum ist der Etat derart beschränkt und warum wird sich daran höchstwahrscheinlich erst einmal auch nichts ändern?
In einer Diskussion, in der es um den Wert der Inklusion geht, handelt es sich in der Politik gar nicht um ideelle oder materielle Werte, sondern um Täuschung und Ablenkung. Ich meine mittlerweile, dass Politiker weder den Ethik-Orden, noch eine optimale Unterstützung der Hilfeempfänger wollen. Beides ist ihnen egal. Sie haben keine Wahl, doch die Wahl hat sie (Im wahrsten Sinne des Wortes trifft genau das auch zumindest den einen Kern der Sache). Wenn sie weiterhin neoliberale Politik machen wollen, muss ihnen das sogar egal sein. Nichts Anderes geschieht zur Zeit, das ist der gegenwärtige Zeitgeist – Neoliberalismus.

Da den aktuellen Machthabern in den meisten Fällen an der Bewahrung des Ist-Zustandes gelegen ist, hier geht es um nichts anderes als Herrschaftsstabilisierung, halten sie an dieser antisozialen Politik, wie ich später noch etwas weiter herauskristallisieren werde, fest. Sie wollen Geld sparen, effizient sein und dabei trotzdem nicht ihr menschliches Gesicht und somit ganz einfach ihre „Wählbarkeit“ verlieren. Dieser Spagat führt dann zu einem „Missverständnis“. Dieses „Missverständnis“, dass Inklusion jetzt schließlich als vermeintliches Sparprogramm umgesetzt wird und sich daran auch trotz aller (wenn man ehrlich ist: relativ leiser) Kritik in absehbarer Zeit nichts ändern wird, wenn sich nicht grundlegend etwas ändert.

Ungezügelte Zungen behaupten ja, das sei gar kein Missverständnis, sondern eine Methode. Diese Methode muss von einigen der Entscheidungsträger nicht einmal bewusst oder gar aus böser Absicht gewählt sein. Es reicht aus, dass sie aus reiner Not oder mangelnder Kenntnis der Verhältnisse bevorzugt wird. Es wird kein anderer Weg aus dem Dilemma gesehen. Handeln sie nicht aus Not oder Unkenntnis, so liegt es daran, dass sie dem Zeitgeist gnadenlos erlegen sind: Sie sind zu glatt, „aalglatt“, wie es der Philosoph Byung-Chul Han in einem Interview der ZEIT-online beschreibt. Und wenn auch, wie oben schon erwähnt, zwangsweise. Inklusion will ja angeblich jeder. Und so kann man schließlich erst einmal schauen, ob das Problem, welches angeblich gar keines ist, sich nicht von „ganz alleine“ löst. Eben ohne Zutun, im wahrsten Sinne.
modernearchitekturWie kann aus neoliberaler Sicht überhaupt eine Inklusion forciert werden, die gesamtgesellschaftlich gesehen in ihrer Konsequenz einer drastischen Veränderung der herrschenden Strukturen, wenn nicht gar einer Revolution gleichkommt und damit letztlich auch eine Abkehr vom Neoliberalismus bedeutet? Hier sei an die Herrschaftsstabilisierung erinnert. Sie kann also nicht gewollt sein. Das spiegelt sich eben auch in den bisherigen rhetorischen Versuchen der Politik wider, die das Gegenteil behauptet.
Die neoliberale und damit aktuell maßgebliche Politik und Wirtschaftsform, deren beeinflussende neoliberale Lobby, lose vernetzte und in großer Zahl vorhandene „Denkfabriken“, sogenannte „Thinktanks“ und somit auch immer weiter um sich greifende verinnerlichte neoliberale Denkweisen forcieren die soziale Exklusion. Dies geschieht ganz offensichtlich und für jeden wahrnehmbar, während die Politik parallel dazu nach außen vorgibt, die Inklusion und ein soziales Miteinander zu fördern und zu fordern und sich damit sogar ein moralisierendes Antlitz anmaßt. Wer sich also bspw. laut und deutlich gegen Inklusion positioniert, weil er sich dem aktuellen Zeitgeist einfach verbunden fühlt (auch wenn er es vielleicht gar nicht weiß), wird als ethisch nicht korrekt oder sozial schwach bezeichnet und damit ins gesellschaftliche Abseits gestellt.

Dieser verwirrende Zustand lässt sich vielleicht am ehesten mit dem vergleichen, was in der Psychologie und der Kommunikationstheorie „Double-Bind“ genannt wird. Wenn Kinder in der Beziehung zu einer Autoritätsperson dauerhaft doppelten und somit lähmenden Bindungen ausgeliefert sind, können diese in der Konsequenz unter anderem eine Schizophrenie entwickeln. Aufgrund der permanenten Verwirrung erkranken sie. Dies geschieht, weil sie ständig mit paradoxen Botschaften, Reizen und Handlungen umgehen müssen, die sich in ihrer Art und Weise gegenseitig widersprechen. Genau das geschieht heute zwischen den Menschen und dem Staat. „Sei unnahbar, leistungsstark und rücksichtslos“ auf der einen Seite der Botschaft, die das soziale Klima schlicht vermittelt und „habt euch alle lieb und nehmt euch als gleichwertig wahr, passt auf, dass ihr niemanden behindert“ auf der anderen Seite als Handlung, indem gefordert wird, eine funktionierende Inklusion auf den Weg zu bringen. Werbeslogans wie „einfach.machen.“, welche zu Inklusion anregen sollen, karikieren dieses Dilemma noch und verhöhnen (hoffentlich wenigstens unbewusst) die eigenen Bürger.

 Die Schizophrenie des aktuellen Zeitgeists

Dieser Neoliberalismus. Größtenteils entstanden in den 50er Jahren, bis er zur jetzigen Blüte austrieb, die bereits seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts besteht. Personifizierende Charaktere waren bspw. Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA, die ja beide nicht gerade zu der sogenannten „weichen“ Fraktion gehörten, die auf ihre Mitmenschen Rücksicht nahm und eine soziale Ader erkennen ließen. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Härte und kantiges Auftreten sind in unserer heutigen Gesellschaft verpönt. Die Menschen heute wollen gerne sanft gewogen und geschaukelt werden, wenigstens doch durch große Worte und Versprechungen. Dass diese so gut wie nie eingehalten oder etwas später wieder gebrochen werden, scheint kaum jemanden zu kümmern. Wichtiger scheint es, „bekümmert zu werden“, worauf ich später auch wieder zurückkomme.

Margaret Thatcher, die "eiserne Lady im Großbritannien der 1980er Jahre

Margaret Thatcher, die „eiserne Lady“ im Großbritannien der 1980er Jahre

Dieser Neoliberalismus. Entstanden aus der Idee, die konservativen, ausgelatschten Treter des Wirtschaftsliberalismus hinter sich zu lassen. Zugegeben, das ist ihm grandios gelungen. Der neoliberalistische Geist herrscht heute über allen Ländern und somit auch über alle Menschen der Welt, welche sich im Wirtschaftskreislauf des „historischen Westens“ befinden. Auch, wenn sie dieses vielleicht so gar nicht wollen. „Mitgehangen, mitgefangen“ hätte meine Mutter früher dazu gesagt.
Allgegenwärtig ist die hegemoniale Strategie des Neoliberalismus: Die Zustimmung oder wenigstens die Nicht-Ablehnung durch das demokratisch organisierte Bürgertum eines Landes muss gewährleistet sein, um weiter eine neoliberalistische Politik und Wirtschaft widerspruchslos und ohne weiteren Konsequenzen verfolgen zu können. Und um diese Zustimmung zu erhalten, ist den verantwortlichen Kräften kaum etwas zu schade. Selbst größte Abweichungen vom eigentlichen Gegenstand des aktuell Vertretenen werden hingenommen, um das kümmerliche Bild zu wahren.

Somit erklären sich auch solch grobe Widersprüche wie die Verankerung des Satzes „kein Mensch darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ im Grundgesetz und gleichzeitig höchst eingeschränkter Finanzsituationen für behinderte Menschen. So gibt es bspw. keine Möglichkeit für einen deutschen Hilfeempfänger, ein (und wenn auch noch so beschränktes) Vermögen zu verwalten. Es gibt Höchstsätze, alles darüber hinaus streichen die Ämter ein. Das ist nicht nur unwürdig und unmoralisch, das ist schlichtweg sehr asozial.

Ein anderes Beispiel: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden“. Da wird dann sogar im Grundgesetz die Krux schon direkt mitgeliefert. Mit Hilfe dieser „anderen Gesetze“ werden die Leitsätze umgangen, so dass man im Zweifelsfall am Ende ohne das nötige Kleingeld dasteht, um die Leistung zu erhalten, die einem doch eigentlich per Gesetz zustehen sollte. Besser Situierte ziehen an einem vorbei, bezahlen dieselbe Leistung „aus der Portokasse“ und haben vielleicht wenigstens noch einen mitleidigen Blick für einen übrig.

Ein wesentlicher Mitbegründer der neoliberalen (Wirtschafts-) Idee: Friedrich August von Hayek

Ein wesentlicher Mitbegründer der neoliberalen (Wirtschafts-) Idee: Friedrich August von Hayek

Eine ebenfalls haarsträubende Doppelmoral ist die Koexistenz von selektierender Pränataldiagnostik und angeblich gewollter Inklusion: Behinderte Kinder bzw. Ungeborene, die ein erhöhtes Risiko tragen, behindert zur Welt zu kommen, werden dank moderner Pränataldiagnostik-Bluttests mittlerweile häufig eben nicht geboren und erhalten ihr Recht auf Leben und Selbstbestimmung, obwohl dieses im Grundgesetz so verankert ist. Mithilfe bestimmter anderer Paragraphen aus dem Gendiagnostikgesetz werden die Leinen ganz schnell wieder gekappt. Und plötzlich ist die Rede von der vermeintlichen Selbstbestimmung der werdenden Mütter. Sowieso dreht sich dieser Tage scheinbar alles um Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Eigentlich schön, könnte man meinen, hört sich doch gut an. Schließlich ist das Streben nach Selbstverwirklichung der maslow’schen Bedürfnispyramide nach die logische Konsequenz der postmodernen Zeit (Abraham Maslow gilt als der wichtigste Gründervater der humanistischen Psychologie, in der eine Psychologie seelischer Gesundheit angestrebt und die menschliche Selbstverwirklichung im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts untersucht wird). Sie dient durch die Realisierung der eigenen Wünsche und Sehnsüchte dem höheren Ziel, „das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen“ (Oscar Wilde) und wird zudem mit Altruismus in Verbindung gebracht. Moment.
„Leben“ und „Selbstbestimmung“, was genau ist das eigentlich heute? Kann man sich überhaupt darauf berufen, ein autonomes Leben zu führen? Wann handle ich wirklich selbstbestimmt und gestalte mein Leben so, wie ich es mir persönlich erdacht habe und wie ich es mir wünsche? Unter welchen Umständen gelingt mir die Selbstverwirklichung meiner Person? Weiterlesen