Die Pampelmuse | Politisch-polemisches Pamphlet


 

Inklusion:

Total behindert

Über gedeckelte Gelder und die große Frage nach dem Warum

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Allgegenwärtige Tristesse, eine antisoziale Ideologie und Turbokapitalismus als Äquivalent für eine pluralistische und solidarische Gesellschaft.


Ein Artikel, vor kurzem erschienen in einer bundesweiten Tageszeitung: Der Etat für die Umsetzung der Inklusion sei „gedeckelt“. Zu wenig finanzielle Hilfe werde bereitgestellt und das entwickele sich zunehmend zu einem ernstzunehmenden Problem. Vor allem im schulischen Bereich, in dem das inklusive Modell zunächst generell Fuß fassen soll, fehle es am Nötigsten.

Dieses Problem ist bei weitem kein neues. Nahezu sämtliche Fachkräfte der sozialen Berufe, die sich mit dem Thema beschäftigen (müssen) beklagen es seit seiner Entstehung. Die wiederum hat im Grunde ihren Ursprung von Beginn an. Also bereits seit den ersten Überlegungen und Planungen des inklusiven Schulsystems sowie der Inklusion im Allgemeinen. Das Problem wird zudem und trotzdem so stiefmütterlich behandelt, wie kaum ein anderes in der bundesdeutschen Politik. Ich werde das Gefühl nicht los, dass kaum jemand mehr ein richtiges Bedürfnis verspürt, sich damit tiefgreifender zu beschäftigen. Viele haben resigniert. Das Problem ist längst zum alten Hut geworden.

Das Problem ist jedoch nicht vorrangig, dass der Etat „gedeckelt“ ist. Noch nicht einmal, dass die betreffenden Hilfeempfänger ihre benötigten Assistenzleistungen nicht in dem Rahmen empfangen können, der ihnen eigentlich zusteht. Das ist schade und auch zunächst einmal ziemlich unverständlich.
Aber wo liegt die Ursache, warum ist der Etat derart beschränkt und warum wird sich daran höchstwahrscheinlich erst einmal auch nichts ändern?
In einer Diskussion, in der es um den Wert der Inklusion geht, handelt es sich in der Politik gar nicht um ideelle oder materielle Werte, sondern um Täuschung und Ablenkung. Ich meine mittlerweile, dass Politiker weder den Ethik-Orden, noch eine optimale Unterstützung der Hilfeempfänger wollen. Beides ist ihnen egal. Sie haben keine Wahl, doch die Wahl hat sie (Im wahrsten Sinne des Wortes trifft genau das auch zumindest den einen Kern der Sache). Wenn sie weiterhin neoliberale Politik machen wollen, muss ihnen das sogar egal sein. Nichts Anderes geschieht zur Zeit, das ist der gegenwärtige Zeitgeist – Neoliberalismus.

Da den aktuellen Machthabern in den meisten Fällen an der Bewahrung des Ist-Zustandes gelegen ist, hier geht es um nichts anderes als Herrschaftsstabilisierung, halten sie an dieser antisozialen Politik, wie ich später noch etwas weiter herauskristallisieren werde, fest. Sie wollen Geld sparen, effizient sein und dabei trotzdem nicht ihr menschliches Gesicht und somit ganz einfach ihre „Wählbarkeit“ verlieren. Dieser Spagat führt dann zu einem „Missverständnis“. Dieses „Missverständnis“, dass Inklusion jetzt schließlich als vermeintliches Sparprogramm umgesetzt wird und sich daran auch trotz aller (wenn man ehrlich ist: relativ leiser) Kritik in absehbarer Zeit nichts ändern wird, wenn sich nicht grundlegend etwas ändert.

Ungezügelte Zungen behaupten ja, das sei gar kein Missverständnis, sondern eine Methode. Diese Methode muss von einigen der Entscheidungsträger nicht einmal bewusst oder gar aus böser Absicht gewählt sein. Es reicht aus, dass sie aus reiner Not oder mangelnder Kenntnis der Verhältnisse bevorzugt wird. Es wird kein anderer Weg aus dem Dilemma gesehen. Handeln sie nicht aus Not oder Unkenntnis, so liegt es daran, dass sie dem Zeitgeist gnadenlos erlegen sind: Sie sind zu glatt, „aalglatt“, wie es der Philosoph Byung-Chul Han in einem Interview der ZEIT-online beschreibt. Und wenn auch, wie oben schon erwähnt, zwangsweise. Inklusion will ja angeblich jeder. Und so kann man schließlich erst einmal schauen, ob das Problem, welches angeblich gar keines ist, sich nicht von „ganz alleine“ löst. Eben ohne Zutun, im wahrsten Sinne.
modernearchitekturWie kann aus neoliberaler Sicht überhaupt eine Inklusion forciert werden, die gesamtgesellschaftlich gesehen in ihrer Konsequenz einer drastischen Veränderung der herrschenden Strukturen, wenn nicht gar einer Revolution gleichkommt und damit letztlich auch eine Abkehr vom Neoliberalismus bedeutet? Hier sei an die Herrschaftsstabilisierung erinnert. Sie kann also nicht gewollt sein. Das spiegelt sich eben auch in den bisherigen rhetorischen Versuchen der Politik wider, die das Gegenteil behauptet.
Die neoliberale und damit aktuell maßgebliche Politik und Wirtschaftsform, deren beeinflussende neoliberale Lobby, lose vernetzte und in großer Zahl vorhandene „Denkfabriken“, sogenannte „Thinktanks“ und somit auch immer weiter um sich greifende verinnerlichte neoliberale Denkweisen forcieren die soziale Exklusion. Dies geschieht ganz offensichtlich und für jeden wahrnehmbar, während die Politik parallel dazu nach außen vorgibt, die Inklusion und ein soziales Miteinander zu fördern und zu fordern und sich damit sogar ein moralisierendes Antlitz anmaßt. Wer sich also bspw. laut und deutlich gegen Inklusion positioniert, weil er sich dem aktuellen Zeitgeist einfach verbunden fühlt (auch wenn er es vielleicht gar nicht weiß), wird als ethisch nicht korrekt oder sozial schwach bezeichnet und damit ins gesellschaftliche Abseits gestellt.

Dieser verwirrende Zustand lässt sich vielleicht am ehesten mit dem vergleichen, was in der Psychologie und der Kommunikationstheorie „Double-Bind“ genannt wird. Wenn Kinder in der Beziehung zu einer Autoritätsperson dauerhaft doppelten und somit lähmenden Bindungen ausgeliefert sind, können diese in der Konsequenz unter anderem eine Schizophrenie entwickeln. Aufgrund der permanenten Verwirrung erkranken sie. Dies geschieht, weil sie ständig mit paradoxen Botschaften, Reizen und Handlungen umgehen müssen, die sich in ihrer Art und Weise gegenseitig widersprechen. Genau das geschieht heute zwischen den Menschen und dem Staat. „Sei unnahbar, leistungsstark und rücksichtslos“ auf der einen Seite der Botschaft, die das soziale Klima schlicht vermittelt und „habt euch alle lieb und nehmt euch als gleichwertig wahr, passt auf, dass ihr niemanden behindert“ auf der anderen Seite als Handlung, indem gefordert wird, eine funktionierende Inklusion auf den Weg zu bringen. Werbeslogans wie „einfach.machen.“, welche zu Inklusion anregen sollen, karikieren dieses Dilemma noch und verhöhnen (hoffentlich wenigstens unbewusst) die eigenen Bürger.

 Die Schizophrenie des aktuellen Zeitgeists

Dieser Neoliberalismus. Größtenteils entstanden in den 50er Jahren, bis er zur jetzigen Blüte austrieb, die bereits seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts besteht. Personifizierende Charaktere waren bspw. Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA, die ja beide nicht gerade zu der sogenannten „weichen“ Fraktion gehörten, die auf ihre Mitmenschen Rücksicht nahm und eine soziale Ader erkennen ließen. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Härte und kantiges Auftreten sind in unserer heutigen Gesellschaft verpönt. Die Menschen heute wollen gerne sanft gewogen und geschaukelt werden, wenigstens doch durch große Worte und Versprechungen. Dass diese so gut wie nie eingehalten oder etwas später wieder gebrochen werden, scheint kaum jemanden zu kümmern. Wichtiger scheint es, „bekümmert zu werden“, worauf ich später auch wieder zurückkomme.

Margaret Thatcher, die "eiserne Lady im Großbritannien der 1980er Jahre

Margaret Thatcher, die „eiserne Lady“ im Großbritannien der 1980er Jahre

Dieser Neoliberalismus. Entstanden aus der Idee, die konservativen, ausgelatschten Treter des Wirtschaftsliberalismus hinter sich zu lassen. Zugegeben, das ist ihm grandios gelungen. Der neoliberalistische Geist herrscht heute über allen Ländern und somit auch über alle Menschen der Welt, welche sich im Wirtschaftskreislauf des „historischen Westens“ befinden. Auch, wenn sie dieses vielleicht so gar nicht wollen. „Mitgehangen, mitgefangen“ hätte meine Mutter früher dazu gesagt.
Allgegenwärtig ist die hegemoniale Strategie des Neoliberalismus: Die Zustimmung oder wenigstens die Nicht-Ablehnung durch das demokratisch organisierte Bürgertum eines Landes muss gewährleistet sein, um weiter eine neoliberalistische Politik und Wirtschaft widerspruchslos und ohne weiteren Konsequenzen verfolgen zu können. Und um diese Zustimmung zu erhalten, ist den verantwortlichen Kräften kaum etwas zu schade. Selbst größte Abweichungen vom eigentlichen Gegenstand des aktuell Vertretenen werden hingenommen, um das kümmerliche Bild zu wahren.

Somit erklären sich auch solch grobe Widersprüche wie die Verankerung des Satzes „kein Mensch darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ im Grundgesetz und gleichzeitig höchst eingeschränkter Finanzsituationen für behinderte Menschen. So gibt es bspw. keine Möglichkeit für einen deutschen Hilfeempfänger, ein (und wenn auch noch so beschränktes) Vermögen zu verwalten. Es gibt Höchstsätze, alles darüber hinaus streichen die Ämter ein. Das ist nicht nur unwürdig und unmoralisch, das ist schlichtweg sehr asozial.

Ein anderes Beispiel: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden“. Da wird dann sogar im Grundgesetz die Krux schon direkt mitgeliefert. Mit Hilfe dieser „anderen Gesetze“ werden die Leitsätze umgangen, so dass man im Zweifelsfall am Ende ohne das nötige Kleingeld dasteht, um die Leistung zu erhalten, die einem doch eigentlich per Gesetz zustehen sollte. Besser Situierte ziehen an einem vorbei, bezahlen dieselbe Leistung „aus der Portokasse“ und haben vielleicht wenigstens noch einen mitleidigen Blick für einen übrig.

Ein wesentlicher Mitbegründer der neoliberalen (Wirtschafts-) Idee: Friedrich August von Hayek

Ein wesentlicher Mitbegründer der neoliberalen (Wirtschafts-) Idee: Friedrich August von Hayek

Eine ebenfalls haarsträubende Doppelmoral ist die Koexistenz von selektierender Pränataldiagnostik und angeblich gewollter Inklusion: Behinderte Kinder bzw. Ungeborene, die ein erhöhtes Risiko tragen, behindert zur Welt zu kommen, werden dank moderner Pränataldiagnostik-Bluttests mittlerweile häufig eben nicht geboren und erhalten ihr Recht auf Leben und Selbstbestimmung, obwohl dieses im Grundgesetz so verankert ist. Mithilfe bestimmter anderer Paragraphen aus dem Gendiagnostikgesetz werden die Leinen ganz schnell wieder gekappt. Und plötzlich ist die Rede von der vermeintlichen Selbstbestimmung der werdenden Mütter. Sowieso dreht sich dieser Tage scheinbar alles um Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Eigentlich schön, könnte man meinen, hört sich doch gut an. Schließlich ist das Streben nach Selbstverwirklichung der maslow’schen Bedürfnispyramide nach die logische Konsequenz der postmodernen Zeit (Abraham Maslow gilt als der wichtigste Gründervater der humanistischen Psychologie, in der eine Psychologie seelischer Gesundheit angestrebt und die menschliche Selbstverwirklichung im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts untersucht wird). Sie dient durch die Realisierung der eigenen Wünsche und Sehnsüchte dem höheren Ziel, „das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen“ (Oscar Wilde) und wird zudem mit Altruismus in Verbindung gebracht. Moment.
„Leben“ und „Selbstbestimmung“, was genau ist das eigentlich heute? Kann man sich überhaupt darauf berufen, ein autonomes Leben zu führen? Wann handle ich wirklich selbstbestimmt und gestalte mein Leben so, wie ich es mir persönlich erdacht habe und wie ich es mir wünsche? Unter welchen Umständen gelingt mir die Selbstverwirklichung meiner Person?

„Leben“ meint im neoliberalen Zusammenhang nur die eigene, möglichst hohe Verwertbarkeit als Arbeitskraft, Konsument, Werbeträger und Statistik-Objekt zur weiteren Profitmaximierung. Im vielleicht schlechtesten Fall gehört man zur untersten Klasse der Gesellschaft: Die der arbeitslosen und arbeitsunfähigen Menschen und anderer Hilfeempfänger, die übrigens aus diesem System keineswegs weg zu denken ist. Sie fungiert als negative Motivation der „Produktiven“, im Sinne einer sanktionierenden Warnung, nicht nachzulassen. Wer Angst hat, seinen Job zu verlieren, leistet „ganz selbstbestimmt“ und freiwillig mehr als er es sonst vielleicht tun würde. Außerdem dient diese unterste Schicht als Sündenbock der höher Klassierten und wird durch regelrechte Schikanen sowie die ohnehin vorhandene soziokulturelle Abseitsstellung in hohem Maße in beklemmende Armut, Verwahrlosung, Kriminalität und Gewalt getrieben. Damit alles so bleibt, wie es ist. Der Wert des Lebens ist also auf dessen Verwertbarkeit geschrumpft. Wertvoll in diesem Sinne ist es lediglich, wenn die größtmögliche Effizienz in allen Bereichen aus ihm herausgeholt wird. Es ist kaum noch ein Mehrwert enthalten. wpid-kreuzprozess.jpg

Es scheint mir, als setze genau hier ein weiterer hegemonialer Hebel an. Niemand möchte ein Leben als Legehenne führen. Keinem gefällt die Erkenntnis, dass das eigene Leben zusehends seines Mehrwerts beraubt wird. Das wiederum macht sich das System zunutze, indem es vermeintlich selbstbestimmte Kanäle bietet, in die dieser Frust abgelassen werden kann, bevor er erst richtig entsteht oder über derartige Umstände tiefgründigere, wirklich selbstbestimmte Gedanken geformt werden können. Soziale Netzwerke im Internet oder eine nette „Shoppingtour“ durch die Stadt schaffen bspw. solch vorgebliche Ausgleiche. Und sie konstruieren ganz bewusst das falsche Bild, man könne sich so selbst verwirklichen. Jeder Einzelne ist demnach in der Lage, selbstbestimmt über das Web 2.0 noch gläserner zu werden. Gleichzeitig bewegt er sich dank personalisierter Werbung weiter im Getriebe des neoliberalen Motors und sorgt so dafür, dass dieser nicht stehen bleibt. Gut geschmiert läuft der besser.

Als „Shoppingtourist“ ist man gleichzeitig Konsument als auch unentgeltliches Werbemedium, das die frohe Botschaft des ungestörten Konsums visuell und verbal verkündet. Über die sozialen Medien wird dann sogar noch ungefragt darüber berichtet und damit eine zugegebenermaßen wirklich perfekte, eher perfide eingerichtete Marketingstrategie bestätigt.

Ich möchte darauf hinaus, dass meiner Meinung nach in der neoliberalistischen Postmoderne keine echte Selbstbestimmung mehr existiert. Im Gegenteil, die meisten Menschen, die sich in konformen Verhältnissen bewegen unterliegen einem permanenten, subtilen Zwang und befinden sich in diversen Abhängigkeiten zum System. Die einzige Freiheit und Bestimmung, die sie noch haben, ist die, sich selbst auszubeuten. Das tun sie, leidenschaftlich gerne sogar. Eben im verblendeten Glauben, sich gerade selbst zu verwirklichen. Nicht ohne Grund sind psychologische und psychiatrische Praxen fast überall völlig überfüllt und ist das Burn-out-Syndrom mittlerweile zur Volkskrankheit avanciert.

 Asozialität als Ideologie

So sieht es aus, wenn man etwas genauer hinschaut. Kaum etwas ist, wie es scheint und es scheint nicht einmal, wie es scheint.

Der eigentliche Ist-Zustand ist dementsprechend eine antisoziale, kalte und für viele Menschen unwürdige Situation, die die allseits bekannte und viel zu selten benannte Schere zwischen Arm und Reich, zwischen „unten“ und „oben“ weiter auseinandertreibt. Eine ungewisse Unzufriedenheit bis größter Frust und Resignation auf der einen, sowie Unverständnis bis Arroganz auf der anderen Seite sorgen nicht gerade dafür, dass die Menschen „aufeinander zugehen“ können. Von Integration oder gar zu Ende gedachter Inklusion ganz zu schweigen. Und genau diese Situation beschreibt laut gängiger Literatur die soziale Seite des Neoliberalismus: Es gibt keine. In ihrer strengen, auf Austerität (energische Sparpolitik) und grenzenloses Wachstum ausgelegten politischen und wirtschaftlichen Denkweise verschwenden führende Neoliberalisten nicht einen ihrer Gedanken an eine wie auch immer geartete soziale Sache. Denn das Soziale spielt aktueller Literatur zufolge schlicht und ergreifend keine Rolle. Gar keine.

Die soziale Hängematte, die mitunter gar keine ist. Als Protestaktion anschaulich gestaltete Herausforderung für den neoliberalen Fakir.

Die soziale Hängematte, die mitunter gar keine ist. Als Protestaktion anschaulich gestaltete Herausforderung für den neoliberalen Fakir.

Und um die eingeschlagene Hegemonialpolitik nicht ins Leere laufen oder gar Unmut in den subalternen Klassen der Gesellschaft entstehen zu lassen, wird eben derart schizophren gehandelt. Das wiederum lässt den Schluss zu, dass selbst hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft nicht frei oder selbstbestimmt agieren, sondern auch sie an den Ketten dieser neuen Ideologie hängen.
Manchem Zeitgenossen würde dazu vielleicht etwas einfallen wie: „Die Politiker und Wirtschaftsbosse lügen doch!“ Und im Grunde genommen hätte er damit recht. Schon zu Beginn des Pamphlets wurde der Zwang beschrieben, in dem sich führende Politiker aufgrund ihrer Sicht der Dinge, wegen des aktuellen Zeitgeists oder auch aufgrund von Unkenntnis der sie umgebenden Verhältnisse befinden. Dieser Zwang rechtfertigt letztlich aber nicht, dass sie etwas erzählen, was sie eigentlich gar nicht so meinen.

An dieser Stelle könnte nun gut ein Diskurs über die Politik der heutigen Zeit im Allgemeinen zelebriert werden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde dann unter anderem die (berechtigte) Frage aufgeworfen werden, was denn sonst das Wesen höherrangiger Politik ausmache, wenn nicht die zuweilen bewusste Verdrehung von Tatsachen oder gerne auch die Inszenierung und Profilierung der eigenen Person. Doch das würde nur ausufern und behandelt auch nicht die hier beschriebene Angelegenheit direkt.

Um zurück zum Thema zu kommen, behaupte ich, dass viele Politiker das nicht nur „nicht so meinen“, sondern eben gegenteilig etwas völlig anderes anstreben. Am Beispiel des Widerspruchs Pränataldiagnostik/Inklusion wäre das dann also: Mehr Selektion und eine moderne Eugenik fordern und mit allerlei Bundesmitteln fördern um nachher schlicht mehr „produktives Menschenmaterial“ zur Verfügung zu haben und „Ballast“ abzuschütteln. Das klingt böse.

Diese, gerade vor dem historischen Hintergrund in Deutschland, gelinde gesagt „ein wenig mulmig“ stimmende, ziemlich unbequeme Meinung, das dürfte ihnen wie mir bewusst sein, modernekunstist natürlich der Öffentlichkeit unter Umständen sehr schwer zu vermitteln. Also wird in den Medien und in direkten Gesprächen das Bild des Kümmerers erzeugt, der „selbstverständlich“ auch die Bestrebungen der Inklusion mitgeht und dann auch noch persönlich feststellt, dass behinderte Menschen „schließlich auch einfach nur Menschen“ seien. Mich schüttelt es bei einer solchen Vorstellung. Noch nicht einmal wegen der geringen Wertschätzung des Menschen als solchen. Ich kann mich damit abfinden, dass nicht alle Menschen ihresgleichen mögen. Vor allem schüttelt es mich aufgrund dieser völlig maßlosen und ungenierten Heuchelei.

Nach dieser (knappen, gerne auch als „verkürzt“ zu bezeichnenden und auf das absolut Wesentliche beschränkte, subjektiven) Vorstellung der neoliberalistischen (Wirtschafts-)Politik möchte ich nun gerne anhand eines Beispiels aufzeigen, wie sehr die beiden Wertvorstellungen tatsächlich auseinanderklaffen. Also die Wertvorstellungen des „neoliberalen Managers“ und die des „sozial engagierten Inklusionsbefürworters“.

Folgende Passage ist dem „Positionspapier zur UN-Behindertenrechtskonvention – Perspektive Inklusion“ vom 19.11.2013 der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe entnommen. Hier wird anhand des Beispiels der (für eine gelingende Inklusion) notwendigen drastischen Umgestaltung der Arbeitswelt einfach deutlich, wie wenig beide Ideale überhaupt zusammen finden könnten, wenn sie denn wollten. Dieses schließt sich, wie bereits festgestellt wurde, bedingt durch die asoziale Einstellung der vorgestellten Ideologie und der hehren Ansprüche der Inklusion, von vornherein aus. Überlegungen dahingehend können getrost als vollkommen irrelevant oder gar wesenlos tituliert werden.

„Im Mittelpunkt steht der einzelne Mensch unter Berücksichtigung seiner individuellen Möglichkeiten und Bedarfe. Hierzu wird ein Umdenken bezüglich des Umgangs mit „Andersartigkeit“ in der Gesellschaft zwingend erforderlich werden. Zugleich wird die Schaffung von Strukturen notwendig, welche die Entwicklung hin zu einem inklusiven Arbeitsmarkt ermöglichen, fördern und begleiten. Hierbei sind insbesondere die Tarifparteien aufgefordert und in der Pflicht, die betriebliche Realität von der Gestaltung der Arbeitsplätze über die Arbeitszeitregelung hin bis zur Systematik der Arbeitsentlohnung alles auf den Prüfstand zu stellen, um die notwendigen Weichenstellungen zur Gestaltung eines gleichberechtigten, gerechten und letztlich inklusiven Arbeitsmarktes vorzunehmen und dadurch positiv mit zu gestalten.“

Mit Blick auf die vorangegangenen Zeilen kann man jetzt fragen, warum sich dieses Papier, diese Tinte und die damit verbundenen Mühen nicht einfach gespart wurden.

 Inklusion – Utopie der gelebten Menschlichkeit

Wenn man jetzt aber den Pessimismus zur Seite schiebt, dann öffnet sich etwas. Nihilismus mag manchem aufgrund seiner Attitüde zusagen, zur Bildung utopischer Gedanken eine gerechtere Gesellschaft betreffend, ist er jedoch denkbar ungeeignet.

Mit Optimismus geht es weiter: Es ist noch nicht aller Tage Abend! Definitiv nicht. Im Gegenteil. Zumindest nicht für mich. Und auch für dich nicht. Vielleicht stehen wir momentan und gerade dank all dieser vermeintlichen Widersprüche und sich zuspitzender Dilemmas an der Schwelle zu einem spürbar neuen Abschnitt der Geschichte, der nur darauf wartet, mit Leben und Sinn gefüllt zu werden.

Inklusions-Folien von Nikolai Goldschmidt, aus einem Vortrag beim Bremer HEP-Treffen 2013

Inklusions-Folien von Nikolai Goldschmidt, aus einem Vortrag beim Bremer HEP-Treffen 2013

Es scheinen nämlich, zumindest laut aktueller Literatur, keine wirklichen Alternativen oder real existierenden Routen heraus aus dem alles niederreißenden Strudel des Neoliberalismus zu führen. Somit stehen die führenden Eliten bald genauso vor dem Nichts wie der restliche Teil der Bevölkerung. Und dieser Teil hätte dann zum ersten Mal wirklich die Wahl und auch viele große Chancen, ungeahnte Möglichkeiten. Das ist meiner Meinung nach eine unverkennbare Tatsache.

Wenn das auch für benannte Führungspersonen und (Mit-)Begründer einer derart menschenverachtenden Strömung, schließlich Ideologie, so gesehen werden sollte, dann wäre für mich ebenso klar, dass sie sich aus schierer Verzweiflung panisch weiter an den Strohhalm des Neoliberalismus klammern.

Es bliebe ihnen zudem kaum etwas anderes übrig. Einen derart drastischen Positionswechsel bzw. eine wirkliche Abkehr dieser Jahrzehntelang einstudierten Asozialität traue ich ehrlich gesagt niemandem zu.

Das sinkende Schiff, und da sollte man sich deshalb nichts vormachen, wird womöglich bis höchstwahrscheinlich mit aller zur Verfügung stehenden aber stetig schwindenden Härte verteidigt werden um dann letztendlich doch in einer riesenhaften Materialschlacht unterzugehen. Dies wird dann auch kein Krieg im „herkömmlichen Sinne“ sein, sondern ein letzter Versuch, die Köpfe der Menschen zu gewinnen. Eine Propagandashow wie die Welt sie bis dato nicht erahnen hätte können. Vorstellbar.
Meiner Meinung nach ist es ebenso vorstellbar, dass sich daraufhin auf lange Sicht eine echte solidarische Gesellschaft bildet, die Inklusion nicht benennen muss, weil sie einfach eine Selbstverständlichkeit ist. Und das zumindest das nicht völlig abwegig ist, lässt sich sehr schön am Beispiel anderer Gegenden darstellen, die in der Realisation des inklusiven Modells bereits viele entscheidende Schritte weiter sind. Spontan fallen mir da die Niederlande ein, die USA und Kanada.

Immer wieder kommt natürlich auch die Frage auf, warum in den skandinavischen Ländern, die quasi eine Vorreiterrolle in Sachen Inklusion mimen, diese mehr Fuß gefasst zu haben scheint. Vor allem Schweden fällt in diesem Zusammenhang sehr häufig und muss dementsprechend auch für Vergleiche dienen.

Es werden dann, wenn man so will, natürlich Äpfel mit Birnen verglichen. Trotzdem – beides ist schließlich Obst. Genau so sind sowohl die BRD als auch Schweden souveräne Länder innerhalb der Weltgemeinschaft. Doch warum funktioniert in Schweden schon lange, was in Deutschland solche bösartigen Bauchschmerzen verursacht?

inklusion

Der größte Unterschied liegt sicherlich im zeitlichen, gefolgt vom strukturellen Aspekt. Bereits in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde in Schweden das Hilfesystem für Menschen mit Behinderung großflächig und tiefgreifend reformiert. So sind bspw. gemeinschaftlich organisierte und zusammenfassende Wohnheime wie sie in Deutschland durch Institutionen der Eingliederungshilfe angeboten werden, in Schweden so gut wie nicht mehr vorhanden, es gibt auch keine Werkstätten für geistig behinderte Menschen. Stattdessen gibt es ein gut vernetztes Angebot bedarfsgerecht ausgestatteter und mit individuellen Dienstleistungen ambulant versorgten, barrierefreien Wohnungen. Die Hilfeempfänger verwalten ihr persönliches Budget, welches nicht gedeckelt ist und können sich damit diverse Unterstützungsangebote einkaufen, von denen sie selbstbestimmt überzeugt sind, dass sie sie benötigen. Sie haben (ab einem bestimmten Grad der Funktionsbeeinträchtigung) sogar das Recht auf eine persönliche Assistenz. Kostenträger sind dort die Kommunen und bei einem Assistenzbedarf von mehr als 20 Stunden pro Woche der Staat. „Die individuellen Unterstützungsleistungen können … mit diesem Modell selbst bestimmt und organisiert und so häufig schneller, in passender Qualität und auch kostengünstiger umgesetzt werden.“(Fakultät für Wirtschaftswissenschaften Wismar Business School; Madleen Duberatz; Das Persönliche Budget für Menschen mit Behinderungen – Evaluation der Umsetzung am Beispiel der Stadt Schwerin)

Es gibt einen schwedischen Arbeitsmarkt, der allen gleichberechtigten Bürgern des Landes zur Verfügung steht. Die Zeit und der vielfach betonte offene Charakter vieler in Schweden lebender Menschen trugen dazu bei, dass sich ein inklusives Gemeinwesen mit echter Barrierefreiheit für alle, so ähnlich wie es auch in den Gedankenspielen deutscher Inklusionsbeauftragter vorzuherrschen scheint, entwickeln konnte. Inklusion, und das ist auch eigentlich allen Akteuren klar, ist ein Prozess, der Generationsübergreifend stattfindet, ein Prozess, der einfach viel Zeit benötigt. Er ist definitiv nicht mit der Brechstange herbeizuführen.

birkeimgartenDer strukturelle Aspekt zeigt in Schweden zunächst eine parlamentarische Erbmonarchie mit wie in Deutschland gewählter parlamentarischer Demokratie. Anders als in Deutschland gab es jedoch in Schweden seit den 1930er Jahren eine sozialdemokratische Regierung, die über Jahrzehnte an der Macht war und dementsprechend unter anderem in der Lage war, ein soziales Gemeinwesen auf den Weg zu bringen, wie sie es sich vorstellte. Besonders deutlich wird dies im politischen Projekt „Wohlfahrtsstaat“, welches Schweden noch immer größtenteils auszeichnet. Die Hilfebedarfskategorien sind zum Beispiel ganz andere als in der BRD: Die Hilfebedürftigkeitsprüfung, sofern denn überhaupt eine stattfindet, hat kaum Gewicht. Wohingegen jeder wie auch immer behinderte Bürger in Deutschland (mindestens) geprüft und attestiert werden muss, um überhaupt irgendwelche Leistungen zu erhalten. All zu häufig müssen dazu dann noch Demütigungen, bspw. in Form von Rechtfertigungsdruck oder abgelehnten Anträgen auf benötigte Hilfsmittel ertragen werden. In Schweden genügt allein der Status der schwedischen Nationalität und die persönliche Artikulierung des Bedarfs. Es gibt eine weitaus größere Gleichberechtigung in allen Bereichen. „Insgesamt ist das System deutlich stärker auf eine Beseitigung von Ungleichheiten ausgerichtet“, wie es im Abschlussbericht „inklusive Gemeinwesen planen“ der Landesinitiative Inklusion NRW von Februar 2014 geschrieben steht. Es konnten dort also bereits einige „Inklusionsbaustellen“ erfolgreich bearbeitet und fest als bewährte gesellschaftliche Institutionen verankert werden.

 Vogel friss oder stirb

Ebenso von Bedeutung ist an dieser Stelle auch noch einmal der Blick auf die unterschiedlichen Schulsysteme. Herrscht in Deutschland seit mehr als 150 Jahren das Gebot der separierenden Gewalt in Form von Schule, also die Aufteilung der „guten“ und der „nicht so guten“ Schüler auf (Haupt-), Realschule und Gymnasium, so gibt es in den Ländern, die inklusiv bereits weiter vorangeschritten sind, nur allgemeine Gesamtschulen, also ein eingliedriges System. In diesen Gesamtschulen wird zudem spezieller auf die Bedürfnisse eines jeden Schülers eingegangen und bspw. entsprechend individuelle Fähigkeiten gefördert. Es herrscht also im besten Fall eine ganz andere Wertschätzung auf persönlicher Basis vom Lehrer zum Schüler.

Ein damit einhergehender und in mir immer wieder Unverständnis erzeugender Punkt ist die krampfhafte Aufrechterhaltung dieses „urdeutschen“ Systems und die mangelnde Bereitschaft bzw. der totale Widerstand, diese diskriminierende Schulorganisation ad acta zu legen. Generell ist hervorzuheben, dass sich Deutschland, nicht nur in Bezug auf das Schulsystem sowie die politischen und wirtschaftlichen festen Fesseln des Neoliberalismus, sondern auch als Staats- und soziales Gebilde an sich mit all seinen vermeintlichen Tugenden und Errungenschaften, sehr schwer damit tut, gesellschaftlich Neues wenigstens zu testen. Vieles wirkt stocksteif und festgefahren. Beamtentum und Pünktlichkeit. Der Freigeist wird allenthalben nach seinem Tod geschätzt.

Bon Appetit!

Bon Appetit!

Wie weit entfernt scheint bereits da der lässig inklusive Gedanke, jeden sein zu lassen, wie er ist und als den Menschen, der er ist, wert zu schätzen. Zusätzlich noch den inklusiven Anspruch auf ein gewisses Extra altruistischen Verhaltens an Menschen zu stellen, die früher nicht einmal einander gegrüßt haben, mag verblendet erscheinen.

Doch wie andere Länder bereits bewiesen haben, funktioniert es! Inklusion bzw. der Weg dorthin ist kein Ding der Unmöglichkeit. Wie bei allen gesellschaftlichen Veränderungen üblich muss zumindest in der Mehrheit wirklich gewollt und konsequent am Ball geblieben werden, damit es zu einer kollektiven Bewusstseinsveränderung kommen kann.

Inklusion ist ein sehr erfreulicher und kostbarer Zustand, nach dem mit ganzer Kraft und voller Zuversicht gestrebt werden sollte. Inklusion ist gelebte Menschlichkeit. Meine humanistische Utopie.

Es liegt an uns selbst, an der Idee der sozialen Inklusion festzuhalten und ihre konsequente Umsetzung nicht nur zu fordern, sondern sie entsprechend aktiv mitzugestalten. Der Weg zu einer sozialeren Gesellschaft führt über jeden einzelnen Menschen und nur die jeweils eigene Erkenntnis, das dem so ist und das Handeln danach bringt uns insgesamt weiter.

Denn gerade die von den Strukturen des Neoliberalismus erzeugte Apathie, das Gefühl „nichts ausrichten zu können“, spielt dem mächtigen antisozialen Gegner zuverlässig in die Hände. Und diese reibt er sich. Die Erzeugung apathischer und regelrecht indolenter (nicht nur junger) Menschen sucht sich subtile, ungesteuerte Wege, die größtenteils aus der ungebremsten Eigendynamik des neoliberalistischen Turbokapitalismus bereitet werden.

Seemai14Unter anderem aus diesem Grund kommt es zu einem großen Paradoxon der Gegenwart: Immer mehr Leute sind immer stärker vernetzt, kommunizieren medial viel miteinander und erhalten weitaus mehr Informationen aus aller Welt, als es jemals zuvor der Fall war. Sogar ungefragt und oft auch ungewollt. Trotzdem oder gerade deshalb vereinsamen viele Menschen in den westlichen Industrienationen und verkümmern zusehends emotional, weil ihnen einfach die zwischenmenschliche Nähe und die direkte Kommunikation fehlt. Kompensiert wird das Fehlen echter Freundschaften und das mangelnde soziale Engagement zum Beispiel in sozialen Netzwerken im Internet. Im virtuellen Raum wird ohnehin nach der überall beschworenen Selbstverwirklichung gestrebt, die in den allermeisten Fällen aus schierem Mangel an persönlichen und finanziellen Möglichkeiten mit bloßer Selbstdarstellung in Form von „Selfies“ übersetzt wird. Dieses Verhalten wird hinreichend mit „Likes“ belohnt, des zeitgenössischen Ersatzes für anerkennendes Schulterklopfen. Oder man gibt sich mal eben per Klick sozial. Dann werden fremde Personen zu „Ice-Bucket-Challenges“ oder dem Sprung in ein öffentliches Gewässer aufgefordert (Bestrafung bei Nicht-Erfüllung: Eine Spende an eine soziale Organisation oder gemeinsames Beisammensein!) oder es werden Bilder von vermissten Hunden gepostet, die Besitzern entlaufen sind, die man gar nicht kennt. Mein Favorit in dieser Sparte sind jedoch immer noch die Fahndungsfotos von Autos mit erkennbarem Kennzeichen, die mächtig Dreck am Stecken zu haben scheinen oder Videos von ziemlich armen Würstchen, die Tiere quälen. Sinn und Zweck dieser Aktionen ist zweifelsohne die Selbstjustiz. Wahrer kollektiver Wahnsinn.

 Plädoyer

So mächtig und allgegenwärtig dieser perfide Gegner auch erscheinen mag: Der Kampf um die Köpfe ist noch nicht verloren. Er wurde bisher fast ausschließlich von neoliberaler Seite aus geführt. Nun sind wir gefragt, die Herausforderung anzunehmen. Dieser Kampf beginnt wie gesagt in uns selbst und unserer Wirkung nach außen. In der lebendigen Freundschaft und Beziehung zu anderen Menschen, in der gegenseitigen direkten Hilfe und sogar schon in einem bewusst gelebten Leben, dessen Sinn es scheint, gelebt zu werden. Von uns selbst. Nicht vom Arbeitgeber, dem Markt oder der Erwartungshaltung anderer Personen gelenkt.
Wir, das sind diese ethisch schrecklich reflexiven Leute, denen bspw. gerne nachgesagt wird, sie seien sogenannte „Gutmenschen“. Ich will nicht begreifen, dass dies beleidigend sein soll. Passen wir nicht in diese Zeit oder passt diese Zeit nicht zu uns? Wann habe ich wohl nicht aufgepasst und was habe ich da verpasst?

Es spricht jedenfalls einiges dafür, dass es langsam Zeit wird und diese nicht auf uns warten wird, bis der Karren aus dem Dreck gezogen ist. Im Gegenteil, sie zernagt unaufhörlich mit ihrem wilden Zahn das, was mal Gewissen war.

Wir sind aber natürlich auch jene, die sich in den etwas schmähenden Worten dieser Postille wiederfinden und wenn bereits bis hier gekommen, vielleicht auch wieder selber finden.

Wir sind vielleicht ja sogar jene Kräfte, die gar nicht dem Kapitalismus generell widersprechen, sondern eine wirklich soziale Marktwirtschaft anstreben. Die nach all den bisherigen Entwicklungen eventuell auch bereit sind, ihr Bewusstsein etwas vom Markt zu befreien und hin zu mehr „Sozial“ zu erweitern. Jene, die nicht vergessen, vor welchem historischen Hintergrund wir uns gerade in der Bundesrepublik Deutschland bewegen. Und diejenigen, die wissen, dass durch menschliche Solidarität auch Länder und Staaten übergreifend die Ketten der Macht gesprengt werden können. Jene, die nicht nur nicht vergessen, sondern auch vehement für ein soziales Miteinander kämpfen wollen. So ganz in Echt.
Wir sind zahlreich. Wir sind bunt. Wir tragen keine Masken. Wir mögen Warner Brothers nicht, aber gucken manchmal gern die alten Disney-Sachen. Wir hören Klassik, wir hören Punkrock, wir lesen. Wir grüßen unsere Nachbarn, wir holen beim Bäcker Brötchen, wir mähen den Rasen. Wir lassen das Gras als Dünger liegen und wir stopfen es in grüne Tonnen. black roseWir arbeiten als Banker, trinken ab und an gern einen guten Tropfen und lieben den Exzess. Wir sind gerne kreativ und verstehen die moderne Kunst nicht. Wir genießen unser Essen im besten Restaurant der Stadt und holen uns beim „Chicken-Ali“ ein halbes Hähnchen für mal eben. Wir rauchen gerne und manchmal auch oft und sind gleichzeitig „vegan Straight Edge“.

Denn wir sind, wie wir sind. Mal so, mal so.

Wir mögen die Ambivalenz.

Wir lieben den Pluralismus und die Diversität.

Wir sind keine wie auch immer geartete Bewegung, Organisation, Partei oder auch nur ein loser Zusammenschluss von Menschen. Wir sind wir selbst. Du und ich und deine Mutter. Und wir leben.

Kämpfen. Das klingt so martialisch. Kämpfen bedeutet für mich in diesem Zusammenhang die offene, direkte und trotzdem rücksichtsvolle Auseinandersetzung mit meiner Umwelt und meinen Mitmenschen in diesem kühlen, postmodernen Klima der Gegenwart. Es ist bestimmt nicht leicht, dauerhaft den Versuchungen der hegemonialen „Kultur“ zu widerstehen und das ist auch nicht immer nötig. Viel wichtiger ist:

Wir müssen jetzt anfangen, (wieder) idealistisch und kreativ zu sein, zu denken und zu handeln. Frei nach dem Motto „das Unmögliche fordern, um das Mögliche zu erreichen!“ sollten wir das eigene Ziel artikulieren, selbst verkörpern und auch tatsächlich „einfach machen!“. Praktische Solidarität untereinander ist erlern- und erlebbar. Direkte Kommunikation und zwischenmenschliche Kontakte sind unersetzlich. Vielfalt ist Lebensqualität.

Denn das größte Kapital des Neoliberalismus sind untätige Menschen, die „den Kopf in den Sand gesteckt“ haben und glauben, nichts ändern zu können. Die aktuelle Situation, mit all ihren großen Widersprüchen und offenen Fragen bietet ein großes Potenzial: Es ist alles offen. Die gegenwärtige soziale Ungerechtigkeit und zunehmende Kälte ist garantiert nicht alternativlos, auch wenn uns das so verkauft werden soll. Wie auch immer es nun weitergeht, eines ist doch sicher: Es geht um uns alle!

Jeder einzelne gewinnt, wenn die soziale Inklusion Wirklichkeit wird!

Her mit dem schönen Leben!

 

„Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“   Albert Einstein

„Es ist eine alte Wahrheit, dass man oft vom Feinde lernen muss“   Lenin

Webseiten
www.inklusionspaedagogik.de
www.inklusion-online.net
www.inklusive–stadt-bremen.de
www.berufsverband-hep.de
www.netzwerk-praenataldiagnostik.de
www.teilhabegesetz.org
www.unrast-verlag.de

behindert nicht gleich scheiße

Das analoge Pamphlet

Coveransicht des Din A5-Pamphlets "Die Pampelmuse

Coveransicht des Din A5-Pamphlets „Die Pampelmuse“

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3 Kommentare

  1. florian eichhaber

    ich arbeite als heilerziehungspfleger nun schon seit 20 jahren mit und für menschen mit geistiger Behinderung, psychischen Störungen. in den letzten jahren ist das Spannungsfeld aus vorgabe der Politik (Inklusion), dem eigenen Anspruch an die arbeit und der tatsächlich Realität (nicht was gesagt oder geschrieben wird, sondern wie gehandelt wird) immer unerträglicher geworden. ich und viele meiner kollegen fühlen uns im stich gelassen und geradezu verarscht (Stichwort: mach einfach). und mir und ich denke den meisten meiner kollgegen ist durchaus klar, dass inlusion von der Mehrheit gar nicht gewollt wird. zu groß ist der Anspruch an den menschen Leistung zu bringen, zu funktioniern, seinen beitrag zu leisten, immer mit der Drohung hartz 4 im nacken. das fördert nicht das miteinander sondern das konkurrenzdenken, die sogenannte Ellbogen Gesellschaft,
    ich persönlich frage mich oft: wie sollen wir es eigentlich schaffen, menschen mit assistenzbedarf wirklich zu inkludieren, wenn wir als gesellschaft es noch nicht mal bei „unseren“ immigrierten menschen, unseren kranken menschen, und auch und nicht zu letzt unserer alten menschen hinbekomm.
    das ist noch ein sehr sehr weiter weg, ich hoffe wir kommen unterwegs nicht ab oder verdursten gar. aber wer weiss schon was die Zukunft bringt, deshalb versuche ich bei aller Frustration und trotz aller rückschläge optimistisch zu sein,
    immerhin, wenn man den umgang der Gesellschaft mit menschen ganz allgemein betrachtet, hat sich ja doch eingiges getan (Aufklärung, freier wille, menschen- Bürgerrechte), aber es ist noch lange nicht genug

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  2. cgsmkoch

    Wir, einige Eltern aus Darmstadt zusammen mit der Schulsozialarbeit Darmstadt-Nord, bereiten eine Ratgeber vor, der Eltern von Kindern mit einer Behinderung, Ansprechpartner, wirtschaftliche Hilfen und Adressen zur Verfügung stellen soll. Wir würden gerne das Scherenschnitt-Bild aus Ihrem Blog auf unserer Titelseite verwenden. Wäre das möglich?

    Gefällt 1 Person

    • Alex Gehrau

      Hallo,

      Super, dass ihr so engagiert seid! Daumen hoch! ^^

      Ich nehme an, dass es sich um folgendes Bild handelt(?):

      Wenn dem so ist, dann ja, gern. Ist allerdings auch nicht aus meiner Feder. Ich meine, dass ich es selbst ebenfalls aus einer Broschüre heraus kopiert habe… Die müsste ich erst einmal wieder ausgraben.

      Schreibt mir doch bitte mal über gehrau@berufsverband-hep.de … Dann können wir alles weitere klären.

      Danke und
      Lieben Gruß,

      Alex

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